Weltmeisterin Pauline Schäfer bei ihrer Übung am Schwebebalken.

Pauline Schäfer - Langer Anlauf für großen Erfolg

Sportart: Turnen
Disziplin: Schwebebalken
Land: Deutschland Flagge Deutschland

Steckbrief

geb. am: 04.01.1997
in Saarbrücken
Größe: 162 cm
Gewicht: 55 kg
Verein: TuS 1861 Chemnitz-Altendorf
Trainer: Gabi Frehse
Beruf: Schülerin

Sportliche Eckdaten

Größte Erfolge
Olympische Spiele:
6. Platz 2016 (Mannschaft)

Weltmeisterschaften:
Gold 2017 (Schwebebalken)
Bronze 2015 (Schwebebalken)

Europameisterschaften:
6. Platz 2018 (Schwebebalken)


Viel hätte nicht gefehlt und der historische Triumph der ersten Weltmeisterin des Deutschen Turner-Bundes (DTB) wäre ausgefallen. Ihren Sport und speziell den Schwebebalken liebte Pauline Schäfer zwar, aber diese blöden Drehungen rückwärts über den Kopf mit Überschlägen, bei denen man wie ins Leere springt, entwickelten sich zu einer Art "Rückwärtsblockade" bei ihr. Die hoffnungsvolle Karriere der am 4. Januar 1997 im saarländischen Dudweiler geborenen Turn-Hoffnung geriet ins Stocken, noch ehe sie richtig begonnen hatte.

Auf die harten Methoden im Training reagierte ihre Mutter ebenso unerbittlich: "Wenn das Kind leidet, ist Schluss", erklärte sie im Gespräch mit dem "stern". Pauline machte Pause vom Turnen. Die Alternative Stabhochsprung wurde ihr jedoch schon bald zu langweilig. Der Umzug in das fast 600 Kilometer von Saarbrücken entfernte Bundesleistungszentrum Chemnitz entpuppte sich 2012 als sportlicher Befreiungsschlag.

Als "Lernende" zur WM 2013

Als das Heimweh langsam nachließ, blühte die damals 15-Jährige bei Trainerin Gabriele Frehse förmlich auf. "Sie weiß, wie sie mich im Griff hat. Und ich weiß, wie ich sie im Griff habe", sagte Pauline Schäfer: "Der Wechsel nach Sachsen war eine große Entscheidung meinem Sport zuliebe, die ich keinen Moment bereut habe." Für die EM-Teilnahme war es 2013 noch zu früh. Als "Lernende" durfte sie Anfang Oktober aber mit zur WM nach Antwerpen fahren. Motivation und Selbstbewusstsein wuchsen stetig, und schon ein Jahr später wurde sie in Stuttgart erstmals deutsche Meisterin im Sprung und am Balken. Bei der EM in Sofia und der WM in Nanning (China) zählte sie jeweils zum deutschen Team, das Platz vier beziehungsweise neun erreichte.

Spektakulärer "Schäfer-Salto"

Beim Championat im "Reich der Mitte" blieb sie ohne Medaillen - und verewigte sich trotzdem im Geschichtsbuch des Turnens. In der Qualifikation zeigte sie am Balken einen Seitwärts-Salto mit halber Schraube in den sicheren Stand. Ein Element, das so noch nie eine Athletin geturnt hatte und das deshalb unter dem Namen "Schäfer-Salto" in den Code de Pointage des Weltverbands FIG aufgenommen wurde.

Die Voraussetzung dafür - eine fehlerfreie Ausführung bei EM, WM oder Olympischen Spielen - hat mit einem eigenen Element übrigens auch "Reck-Artist" Andreas Bretschneider erfüllt, mit dem Schäfer seit 2014 liiert ist. Das Besondere am Schäfer-Salto ist, dass die Turnerin bei der halben Drehung die Sicht auf den zehn Zentimeter breiten Balken verliert, was extremer Körperbeherrschung bedarf.

Olympia-Premiere mit einem Wackler

Nach WM-Bronze am Schwebebalken 2015 in Glasgow verpasste sie bei ihren ersten Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro an den Einzelgeräten den Endkampf -  am Boden (Zwölfte) und nach einem kleinen Wackler auch am Schwebebalken (15.). Bei der EM im April 2017 in Cluj (Rumänien) fand der Endkampf der besten Acht abermals ohne Pauline Schäfer statt. Die Vorbereitung auf die schon im Oktober folgende WM in Montreal stand gleichfalls unter keinem guten Stern. Bis eine Woche vor dem Abflug konnte die 1,63 Meter große und 55 Kilogramm leichte Turnerin verletzungsbedingt kaum trainieren.

Schäfer schreibt in Montreal DTB-Sportgeschichte

Dass sie im Finale auch noch als Erste auf den Schwebebalken musste, galt als zusätzlicher Nachteil. Aber die Saarländerin aus Sachsen turnte "die Übung ihres Lebens", wie die Experten meinten. 13,533 Punkte, die beste Ausführungsnote und ein souveräner "Schäfer-Salto" brachten die Goldmedaille. In der ausverkauften Olympiahalle waren 10.000 Zuschauer Zeugen einer großartigen Darbietung. Dass es der erste deutsche WM-Sieg seit der DDR-Turnerin Dörte Thümmler am Stufenbarren 30 Jahre zuvor war, wussten die meisten Augenzeugen nicht. Schäfer wurde zur ersten Kunstturn-Championesse aus dem vereinten Deutschland und dem DTB überhaupt.

Das große Ziel Schäfers sind die Olympischen Spielen 2020 in Tokio - bis dahin will sie sich an allen Geräten weiter verbessern. Bei den letztjährigen deutschen Meisterschaften in Berlin belegte sie viermal Platz zwei.

WM-Übung noch weiter verfeinert

Nach dem WM-Triumph in Montreal schaltete Schäfer sportlich einen Gang runter, legte dafür in diesem Sommer das Abitur ab, für das die Bundeswehr-Sportsoldatin seit 2017 an der Abendschule gebüffelt hatte. Erst im Juni kehrte sie auf die Wettkampfbühne zurück, ihre Übungen hatte sie in den Monaten zuvor akribisch vorbereitet. Bei der EM in Glasgow wird die 21-Jährige das deutsche Frauen-Team zusammen mit Kim Bui anführen. Sophie Scheder, Olympia-Dritte 2016 am Stufenbarren, sowie die Stuttgarterinnen Elisabeth Seitz und Tabea Alt fehlen verletzungsbedingt.

Trotz anhaltender Rückenprobleme setzt sich Schäfer hohe Ziele: "Es ging die letzten Wochen nicht so gut, aber ich kann damit turnen. Ich habe ein ganz gutes Gefühl und freue mich auf die Wettkämpfe. Es ist toll zu wissen, dass ich in dieser Halle WM-Bronze gewonnen habe." Ihre WM-Übung aus dem vergangenen Herbst hat Schäfer noch einmal kräftig aufgestockt: "Ich strebe einen Ausgangswert von 5,8 Punkten an. Das sind drei Zehntel mehr als bei der WM 2017." Noch wichtiger sei für sie aber die Ausführung: "Je sauberer, desto besser." Vor dem Mannschafts-Mehrkampf nimmt Schäfer den Druck von ihrer Riege: "Über eine Team-Medaille sprechen wir nicht. Unser Ziel ist es, ins Finale einzuziehen und weitere Erfahrungen zu sammeln." Die beste EM-Platzierung bisher war für die deutschen Frauen Platz vier vor vier Jahren in Sofia.

"Manchmal brauche ich einen Arschtritt"

"Pauline ist ein Jahrhunderttalent und eine überelegante Turnerin", verriet Trainerin Frehse der "Süddeutschen Zeitung". Das Lob returnierte die ehrgeizige Schäfer, die bisweilen vielleicht zu schnell resigniert, wenn es nicht optimal läuft, postwendend: "Ohne sie hätte ich das nicht geschafft. Ich bin dankbar, dass sie mich gepusht hat. Manchmal brauche ich einen Arschtritt".

Dass sich seine Freundin von Problemen nicht beeindrucken lässt, unterstreicht auch Reck-Spezialist Andreas Bretschneider: "Sie ist der Wahnsinn. Selbst mit der schlechtesten Vorbereitung kann sie in der entscheidenden Minute alles abrufen. Sie ist wie im Tunnel: der absolute Wettkampftyp. Da kann ich einiges von ihr lernen."

Dieses Thema im Programm:

Sportschau live, 21.08.2016, 07.00 Uhr

Stand: 06.08.18 09:58 Uhr