Christina Schwanitz

Christina Schwanitz - Erst Babyglück, nun EM-Triple?

Sportart: Leichtathletik
Disziplin: Kugelstoßen
Land: Deutschland Flagge Deutschland

Steckbrief

geb. am: 24.12.1985
in Dresden
Größe: 180 cm
Gewicht: 105 kg
Verein: LV 90 Erzgebirge
Trainer: Sven Lang
Beruf: Sportsoldatin

Sportliche Eckdaten

Persönliche Bestleistung:
20,77 m (2015)
Größte Erfolge
Olympische Spiele:
6. Platz 2016
10. Platz 2012
11. Platz 2008

Weltmeisterschaften:
Gold 2015
Silber 2013

Europameisterschaften:
Silber 2018
Gold 2016
Gold 2014

Deutsche Meisterschaften:
Gold 2018
Gold 2016
Gold 2015
Gold 2014
Gold 2013
Gold 2011

Hallen-WM:
Silber 2014

Hallen-EM:
Gold 2013
Silber 2011


Kugelstoßerin Christina Schwanitz hat sich nach ihrer Babypause im Rekordtempo wieder in Medaillenform gebracht. In Berlin will die 32-Jährige erneut EM-Gold holen - es wäre ihr drittes in Folge.

Seit dem vergangenen Sommer ist vieles anders im Leben von Christina Schwanitz. Der Sport steht seit der Geburt ihrer Zwillinge, die sie liebevoll "Krümmeln" nennt, an zweiter Stelle. "Nichts geht über meine Familie", betont die Kugelstoßerin. Stets baumeln ihre Kinder um ihren Hals, als zwei Silber-Figuren an einer Kette. Ein Mädchen und ein Junge. "Hätte ich das Gefühl, die Kleinen leiden unter mir, würde ich sofort mit dem Stoßen aufhören", sagte Schwanitz der "Schwäbischen Zeitung": "Ich will keine Mutter sein, die Spaß und Erfolg hat auf Kosten meiner Familie." Manchmal tut es dennoch weh: "Wenn du die ersten Schritte verpasst, wie es mir beim Kleinen passiert ist."

Viel hat sie nun zu organisieren. Manchmal falle sie abends "bloß noch um", schilderte die 32-Jährige, deren Ziele im Ring aber ambitioniert bleiben: "Ich möchte bei den Europameisterschaften auf dem Treppchen stehen. Am besten ganz oben. Dann könnte ich bei der EM das Triple perfekt machen." Noch nie holte eine Kugelstoßerin dreimal in Serie den EM-Titel.

Ich finde schön, dass das Publikum immer mehr bemerkt, dass Kugelstoßen auch Hochleistungssport ist. Was ich nicht so schön finde, ist die Idealvorstellung, wie ein Mensch aussehen soll. Davon sind wir Kugelstoßer meist doch ein Stück weg. 90 - 60 - 90 kann ich pro Bein anbieten, aber nicht vom Körper her. Es wäre schöner, wenn die Menschen es mehr wertschätzen würden, dass wir das brauchen, um unseren Sport auszuführen. Christina Schwanitz

Spaß am Sport ist wieder da

2014 und 2016 siegte Schwanitz bereits bei den kontinentalen Titelkämpfen, 2015 wurde sie Weltmeisterin. In Rio wollte sie vor zwei Jahren zudem den Olymp erklimmen, doch die Mitfavoritin verkrampfte und kam über 19,03 m nicht hinaus - Platz sechs. Das tägliche Training habe sie während ihrer Babypause nicht vermisst, berichtete sie. Sie holte ihr Fachabitur in sozialer Arbeit nach, möchte in zwei Jahren ein Studium aufnehmen. Nun ist der Spaß am Sport wieder da. Auch, weil sie ihre Probleme mit der Schulter auskuriert hat.

Kugelstoßerin Christina Schwanitz ©  picture alliance / dpa Foto: Michael Kappeler

01:23 min | 04.08.2018 | Das Erste

Schwanitz holt in Amsterdam EM-Gold

Kugelstoßerin Christina Schwanitz verteidigte bei der EM 2016 trotz langer Verletzungspause ihren Titel souverän. Bereits im ersten Versuch machte sie alles klar.

Am Flughafen hat's gepiepst

Überhaupt Verletzungen. Die Liste ist lang. So herrschte bis Ende 2012 jahrelang Erklärungsbedarf, wenn Christina Schwanitz durch eine Sicherheitskontrolle im Flughafen musste. Denn selbst, wenn sie alle metallischen Gegenstände ablegte, blieb das bekannte Alarmsignal nicht aus. Sechs Schrauben in beiden Füßen waren der Sächsin in den Jahren zuvor bei fünf Operationen eingesetzt worden. Die Folge: "Am Flughafen piepst es immer", sagte die 32-Jährige mit "der großen Klappe". Nötig waren die Eingriffe durch eine angeborene Schiefstellung der großen Zehen geworden.

Schwanitz musste durch die Operationen die Wettkampfjahre 2006 und 2007 abschreiben und überlegte schon, ihre sportliche Laufbahn zu beenden. Doch die Kugelstoßerin mit dem ausgeprägten Mutterwitz blieb dabei, und geholfen hat sicher auch ihr Lebensmotto: "Jeder Tag, an dem ich nicht lache, ist ein verlorener Tag."

Abschied vom "Metall-Ballast"

Die Zusammenarbeit mit einer Psychologin, vor allem aber ein Eingriff im November 2012, bei dem alle Schrauben aus den Füßen entfernt wurden, brachten schließlich den Erfolg. "Ich bin meinen Metall-Ballast los. Das macht sich im Training und Privatleben bemerkbar. Ich kann viel freier in den Ring gehen und mehr Gas geben", sagte sie "leichtathletik.de". Im März 2013 sicherte sie sich bei der Hallen-EM Gold und damit ihren ersten großen Titel, im darauffolgenden Mai knackte sie bei ihrem Sieg beim Diamond-League-Meeting in Schanghai mit 20,12 und schließlich sogar 20,20 m erstmals die 20-Meter-Marke. 20,41 m im letzten Versuch bedeuteten bei der WM in Moskau nicht nur persönliche Bestleistung, sondern auch Silber. "Das ist mein Jahr", jubelte die stets gut aufgelegte Athletin. Im Winter fügte sie ihrer Medaillensammlung noch Hallen-WM-Silber hinzu.

EM-Gold in Zürich, WM-Gold in Peking

Christina Schwanitz jubelt über Gold bei der Leichtathletik-WM 2015 in Peking © dpa - Bildfunk Foto: Jeon Heon-Kyun

Weltmeisterin! Christina Schwanitz lässt sich feiern.

2014 sicherte sich Schwanitz, deren Karriere spät, aber dann umso schwungvoller Fahrt aufgenommen hatte, in Zürich ihr erstes EM-Gold. Die Saison 2015 sollte noch erfolgreicher werden: Im Mai steigerte die gebürtige Dresdnerin ihre persönliche Bestleistung beim World Challenge Meeting in Peking auf 20,77 m und verbuchte damit den besten Stoß einer deutschen Athletin seit 18 Jahren. Zum Saisonhöhepunkt im August präsentierte sich Schwanitz bei der WM in der chinesischen Haupstadt dann erneut in Topform. Mit 20,37 m machte sie als erste Kugelstoßerin überhaupt das Titel-Double aus EM und WM perfekt. Das Sahnehäubchen auf ein sehr erfolgreiches Wettkampfjahr, in dem die Sächsin zudem erstmals die Gesamtwertung in der lukrativen Diamond League für sich entschied und zu Deutschlands "Sportlerin des Jahres" gekürt wurde.

Erfolgreiche Comebacks

Nach ihrem Sensationsjahr 2015 ließ sich Schwanitz am dauerhaft schmerzenden Knie operieren und verzichtete auf die Hallensaison. Es folgte ein Sehnenanriss im Schultergelenk, der den geplanten frühzeitigen Saisoneinstieg verhinderte. Der Schmerz in der rechten Schulter war so groß, dass sie ihre Zähne mit der linken statt der rechten Hand putzen musste. "Ich bin nicht schmerzempfindlich, doch es tat furchtbar weh", sagte die Sächsin. Erst im Juni 2016 feierte sie nach neun Monaten ohne Wettkampf ein gelungenes Comeback, schaffte auf Anhieb locker die Norm für Rio. Das EM-Gold im Vorfeld der Sommerspiele mit 20,17 m - mit jedem ihrer drei gültigen Versuche hätte sie den Titel gewonnen - ließ sie jubeln: "Diese Medaille ist unbeschreiblich toll. Ich trainiere noch keine acht Wochen wieder und werde mit einer 20-Meter-Marke Europameisterin. Das ist megageil."

23 Kilogramm abtrainiert

Auch jetzt ist Christina Schwanitz wieder da - und hochmotiviert. Ein halbes Jahr nach der Geburt der Zwillinge hatte sie das Training aufgenommen, nicht ohne Tiefs und Qualen ihren Körper wieder auf Weltniveau getrimmt - und 23 Kilogramm abtrainiert. "Ich hatte einen Körperumfang von 1,40 Meter. Als ich Bilder von mir sah, habe ich gedacht: 'Ich passe doch gar nicht mehr durch die Tür'", erzählte die sächsische Frohnatur. Dabei habe sie sich in der Schwangerschaft schon mit "der Fresserei" zurückgehalten, weil sie familiär bedingt die Anlage habe, "Essen in Hüftgold umzuwandeln".

Die überflüssigen Pfunde wieder runterzubekommen, war das kleinste Problem bei ihrem Start zum Comeback. "Ich war die ersten drei, vier Monate klinisch einfach nur tot", beschrieb die Ex-Weltmeisterin ihren anfänglichen Zustand nach der Trainingsfron im Kraftraum. Hinzu kamen die Versorgung der Kinder, der Haushalt. "Da gab es Momente, in denen ich mich gefragt habe, warum ich es mir antue", gestand: "Doch dann bin ich ins Kinderzimmer gegangen und habe mir gesagt: 'Dafür!'"

20-m-Stoß bei der DM - und ein Schock

Die 32-Jährige hat sich im Rekordtempo wieder in Medaillenform gebracht, feiert seit ihrem Comeback am 12. Mai Sieg um Sieg. Bei den deutschen Meisterschaften in Nürnberg Mitte Juli gewann sie mit starken 20,06 m und holte sich bereits ihren sechsten nationalen Titel. "Das ist ein besonderer Sieg, das macht mich echt stolz", jubelte sie mit feuchten Augen. Mit dem ersten 20-Meter-Stoß seit ihrer 15-monatigen Babypause baute sie zudem ihre Führung in der europäischen Jahresbestenliste deutlich aus.

Ihr emotionaler Abend bei der DM geriet allerdings schnell zur Nebensache. Bei einem Auffahrunfall im Anschluss hatte sie reichlich Glück im Unglück. "Es waren viele Schutzengel unterwegs. Das war ein großer Schockmoment", sagte Schwanitz, die auf dem Weg zu einem Fernsehauftritt gewesen war: "Ich habe nur ein paar kleinere Blessuren." Eine Kapselverletzung an der rechten Hand, eine Gehirnerschütterung und ein Schleudertrauma ergab immerhin die Diagnose. Ihr Gleichgewicht sei manchmal noch gestört, sagte sie wenige Tage vor Wettkampfbeginn in Berlin. Ihre EM-Ziele hat die 32-Jährige entsprechend angepasst: "Natürlich wünsche ich mir den ersten Platz. Doch nach meiner Vorgeschichte wäre auch Platz zwei und drei toll. Mit einem Podestplatz wäre ich mega zufrieden."

Historischen Hattrick vor Augen

Ihr Antrieb? "Mir und allen zu zeigen, dass man auch mit Kindern wieder an der Weltspitze ankommen kann", sagte Schwanitz, die den historischen Hattrick vor Augen hat. Berlin soll im Idealfall ein Highlight ihrer Karriere werden: "Titelkämpfe im eigenen Land sind sehr speziell."

Dieses Thema im Programm:

Sportschau live, 21.08.2016, 07.00 Uhr

Stand: 09.08.18 09:21 Uhr