Zwei brasilianische Fans auf der Tribüne. © DPA Picture Alliance Foto: Andrew Matthews

Bilanz

Die Paralympics: Das Fest, das Olympia nicht war

von Florian Neuhauss, sportschau.de

Womöglich hat das Publikum den einen oder anderen Athleten allerdings auch gehemmt. Unter anderem darauf führte ARD-Schwimmexpertin Kirsten Bruhn das ausbaufähige Abschneiden der deutschen Schwimmer zurück. "Die Stimmung in der Halle war bombe, aber man muss damit auch umgehen können", erklärte die dreifache Paralympics-Siegerin. "Man bekommt im Wasser alles mit - auch, was auf den Bildschirmen passiert. Davon lassen sich besonders die Jungen durchaus beeinflussen." Außerhalb der Paralympics verfolgen meist nur sehr wenige Zuschauer die Wettkämpfe der Athleten.

Medaillenausbeute bleibt hinter London zurück

Nicht nur die Schwimmer, sondern das ganze deutsche Team hat einige Medaillen weniger geholt als erhofft. Der DBS ist mit 57 Medaillen nicht nur unter der guten Ausbeute von London (66), sondern auch knapp unter der in Peking (59) geblieben. Doch genauso wie vor den Spielen will Präsident Beucher keine Medaillen zählen: "Ich bin mit den Leistungen sehr zufrieden, auch als Vierter, Fünfter oder Sechster gehören die Sportler zu den Besten der Welt. Und für viele junge Sportler ist die Teilnahme am Endkampf schon ein großer Erfolg gewesen." Trotzdem geht der 70-Jährige nach Gesprächen mit einer Delegation des Bundesinnenministeriums davon aus, dass dem DBS nach den nächsten Haushaltsberatungen mehr Geld zur Förderung der Para-Athleten zur Verfügung hat.

IPC hat großes Dopingkontroll-Problem

Ein Wegweiser zur Anti-Doping-Kontrolle © imago sportfotodienst

Dopingkontrollen: Im paralympischen Sport gibt es sie zu selten.

Derweil purzelten die Weltrekorde in den vergangenen eineinhalb Wochen reihenweise - zur Halbzeit waren es 143, am Ende 209. Das hat höchstwahrscheinlich auch mit dem Dopingkontroll-Problem zu tun, das das IPC selbst eingeräumt hat. Gerade einmal 1.201 Dopingtests seien 2015 weltweit im Behindertensport auf internationalem Niveau durchgeführt worden, teilte der Weltverband während der Spiele mit. Zur Einordnung: In Rio gingen mehr als 4.300 Athleten an den Start. Das IPC selbst führte die Rekordflut auf dieses Missverhältnis zurück. "Es sind viele Athleten dabei, die in ihrem ganzen Leben noch nie getestet worden sind", verdeutlichte Beucher und sprach von "Schummelrekorden". So konsequent das IPC mit dem Ausschluss des russischen Teams war, so deutlich besteht in Sachen Dopingproben Handlungsbedarf.

Keine Pflichttests für Medaillengewinner

Auch bei den Spielen waren nur 1.500 Tests angesetzt - die meisten stichprobenartig, Pflichttests für die Medaillengewinner gibt es nicht. Dem IPC fehlen Geld und Personal. "Unsauberem Sport ist so die Tür geöffnet. Es kann nur faire Spiele geben, wenn sich alle Länder an die Anti-Doping-Richtlinien halten", fügte der DBS-Präsident hinzu. "Es stellt die Paralympics infrage, wenn es mehr Gedopte als Ungedopte gibt." Zumal bei diesen Paralympics erstaunlich viele Sportler sehr erfolgreich gewesen sind, die in der Szene zuvor kaum aufgetreten waren. Zufall? Es gibt viele Wege, den sportlich fairen Wettkampf zu untergraben. Dazu gehören auch Schummeleien bei der Klassifizierung. Viele Athleten geben den wahren Grad ihrer Beeinträchtigung schlicht nicht preis beziehungsweise übertreiben, um in für sie bessere Klassen eingestuft zu werden. Auch hier müsste das IPC für bessere Kontrollen sorgen. Der Chef de Mission Karl Quade appelliert an das IPC, härter durchzugreifen: "An den Bereichen Doping und Klassifizierung muss dringend gearbeitet werden."

Behinderte hoffen auf Verbesserungen

Bleibt noch die Frage nach der Nachhaltigkeit der Spiele. Den Behinderten in der Stadt ist viel versprochen worden. "Ich habe während der Spiele einige in ihrem Alltag begleitet und musste feststellen, dass viele Bereiche der Stadt sogar behindertenfeindlich sind", berichtete Korrespondent Stocks. "Ein paar Straßen von der Copacabana weg kommt man mit dem Rolli nicht weiter, als Blinder hat man ohnehin keine Chance. Das ist übel!"

Auch Kirsten Bruhn war mit ihrem Rollstuhl in Rio unterwegs. Als "unerwartet herausfordernd" beschrieb sie die Tour: "Nichts ist in der Waage, ich musste immer aufpassen, wo ich hinrolle. Das war schon anstrengend." Stocks gegenüber haben viele Menschen die Hoffnung geäußert, dass ihre Probleme auch nach den Spielen im Bewusstsein bleiben und es wirklich zu Verbesserungen kommt.

Balsam für die Seele und weltweite Imagepflege

Fans bei den paralympischen Schwimmwettbewerben in Rio de Janeiro. © dpa - Bildfunk Foto: Jens Buettner

"Ein Fest für das Volk" waren die Paralympics.

Womöglich haben die Spiele den Brasilianern ihren Optimismus in einer schwierigen Zeit zurückgegeben. "Tudo bem" - Daumen hoch! Die Geste bestimmt das Miteinander in der Metrole am Zuckerhut. Das Mega-Event Olympia war vielleicht doch eine Nummer zu groß für Rio, die kleineren Paralympischen Spiele passten da schon viel besser. Schon recht früh war klar: Paralympics in Rio? Das klappt! Die Cariocas betrieben mit der Stimmung in den Arenen, aber auch mit Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit im Alltag weltweite Imagepflege. Für viele Menschen in der Großstadt waren die Spiele aber offenbar auch Balsam für oftmals geschundene Seelen. Unter den Zuschauern waren immer wieder Schulklassen, die mit Freikarten ausgestattet wurden. Auch Kinder aus den Favelas waren live dabei. Alle zusammen schienen ihre Probleme zu vergessen - und feierten in den Arenen große Partys. "So sind die Spiele zu einem Fest für das Volk geworden", sagt Stocks. Wie es mit Rio weitergeht, "dafür muss man aber erst die kommenden Monate abwarten".

Dieses Thema im Programm:

Sportschau live, 19.09.2016, 10.00 Uhr

Stand: 18.09.16 20:06 Uhr

Medaillenspiegel

Aktueller Medaillenspiegel
Platz Land G S B
1. Flagge Volksrepublik China CHN 107 81 51
2. Flagge Großbritannien GBR 64 39 44
3. Flagge Ukraine UKR 41 37 39
4. Flagge USA USA 40 44 31
5. Flagge Australien AUS 22 30 29
6. Flagge Deutschland GER 18 25 14
7. Flagge Niederlande NED 17 19 26
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