Weitspringer Markus Rehm © picture alliance / dpa Foto: Michael Kappeler

Deutsches Team

Rehm: Gute Stimmung! Auch dank Schwarzbrot

von Florian Neuhauss, sportschau.de

Die gute Stimmung in Rio? Markus Rehm hatte als einer der wenigen damit gerechnet. Der 28-Jährige ließ sich auch nicht davon irritieren, dass während der Olympischen Spiele viele Plätze in den Arenen leer geblieben sind und sogar Pfiffe zu hören waren. Der Weltklasse-Weitspringer hatte die Cariocas, wie die Einwohner Rio de Janeiros heißen, schon selbst von ihrer besten Seite erlebt.

Es war Anfang des Jahres - der Weitspringer von Bayer Leverkusen, hatte extra eine Wintersaison eingelegt, weil er zu einem Show-Wettkampf in die Stadt am Zuckerhut eingeladen worden war. Als einziger Sportler mit Handicap trat Rehm gegen eine Reihe Nicht-Behinderter an. "Die Menschen hier sind einfach sehr emotional - und sie waren natürlich für den Brasilianer, der im Wettkampf war. Aber die Zuschauer haben sich auch für mich die Seele aus dem Leib geschrien", sagt der Weitspringer im Interview mit sportschau.de und fügt lachend hinzu: "Nach dem Wettkampf habe ich eine Stunde lang Selfies mit ihnen gemacht, ständig wurde ich umarmt und habe Küsschen auf die Wange bekommen." Wohlgemerkt, nachdem Rehm mit 8,24 Metern Platz eins belegt hatte.

Nur zum Vergleich: Bei Olympia sprang der Brite Greg Rutherford mit 8,29 Metern zu Bronze, die Deutschen schafften es nicht ins Finale. "Natürlich habe ich mich gefragt: Was wäre, wenn ich hätte dabei sein dürfen", sagt Rehm, dessen Bestweite von 8,40 Meter sogar zu Gold gereicht hätte.

Lange um Start bei Olympia gekämpft

Der 28-Jährige hat lange um seine Teilnahme bei Olympia gekämpft. Zuletzt sogar mit einer Studie. Denn beim Absprung mit der Prothese hat Rehm offenbar Vorteile, dafür beim Anlauf klare Nachteile. Was überwiegt? Niemand traut sich, den Fall abschließend zu bewerten. Sein rechtes Bein wurde ihm als Teenager nach einem Wassersportunfall abgenommen. Jahrelang wurde Rehm von allen Seiten dazu ermuntert, seinen Weg zu gehen. Er kämpfe für sich, aber auch dafür, dass sein Sport mehr Öffentlichkeit bekommt, betont der Weltklasse-Weitspringer.

Weitspringer Markus Rehm © imago/Beautiful Sports

Aus Schulterklopfern sind Kritiker von Markus Rehm geworden.

2014 war es dann soweit, Rehm durfte bei der deutschen Meisterschaft der Nicht-Behinderten teilnehmen - und gewann. Schlagartig wurden viele Schulterklopfer zu Kritikern - und ein neuer Kampf begann. Die Gespräche mit dem Leichtathletik-Weltverband IAAF dauern an. Womöglich darf Rehm künftig bei den großen Wettkämpfen mitspringen - wenn auch außerhalb der Konkurrenz. Rehm kann seine Gefühle zum Titelgewinn damals nur schwer beschreiben: "Es war einfach der Start dafür, dass ich heute so viel für unseren Sport machen kann." Der Orthopädietechnik-Meister will "etwas Gutes rausholen" für den Behindertensport. "Einige sagen, es würde ja nur über den Markus berichtet, aber das stimmt so nicht. Es werden insgesamt mehr Geschichten in den Medien erzählt, sogar zuletzt von der EM", betont Rehm.

Rehm freut sich sogar über Kritik

Dass der 28-Jährige so lange darum gekämpft hat, mit seiner Prothese schon bei den Olympischen Spielen zu starten, hat hohe Wellen geschlagen. Nicht zuletzt in den sozialen Medien. Rehm hat sehr viel Zuspruch bekommen, er kann sich aber sogar über die Kritik freuen, die ihn in den Netzwerken erreicht. "Ich sehe es als Lob, wenn mir einer schreibt, der vor zwei Jahren noch nicht mal wusste, was die Paralympics sind", sagte Rehm lachend. "Da nimmt sich einer viel Zeit, mir seine Kritik zu schreiben. Es ist doch eine super Sache, wenn darüber gesprochen wird."

Der Fall ist verzwickt. Bringt die Prothese nun einen Vorteil oder nicht? Rehm sagt zu Recht: Würde es nur an der Prothese liegen, müssten ja diverse Behindertensportler so weit springen wie er. Auf die Frage, ob er denn nicht als Meister der Orthopädietechnik womöglich den entscheidenden Vorteil habe, verweist er darauf, dass die Teile von der Stange kommen.

"Ich bin Para-Athlet und stolz drauf"

Naheliegenden Vermutungen, die Paralympics wären ein Trostpreis, widerspricht der gebürtige Göppinger (Startklasse T44) energisch: "Ich bin ein Para-Athlet und sehr stolz drauf. Die Paralympics sind mein Hauptevent." Wer Rehm nach dem Titel mit der deutschen 4x100-Meter-Staffel hat jubeln sehen, dürfte keine Zweifel mehr haben. In Rio ist er ein unglaublich gefragter Gesprächspartner - auch international. Rehm ist das deutsche Aushängeschild und ein Gesicht der Paralympics.

Trotz seiner Rio-Erfahrungen hat sich allerdings auch ein Markus Rehm überraschen lassen. Nachdem es aus dem Kreis der Olympia-Athleten so große Kritik an den Verhältnissen im Dorf, gerade auch was das Essen anbelangte, gegeben hatte, sorgte er vor. Der 28-Jährige packte viele Lebensmittel ein, um optimal vorbereitet in seine Wettkämpfe gehen zu müssen. "Das meiste brauche ich aber gar nicht", betont der Leverkusener, der sich aber zumindest das deutsche Brot trotzdem schmecken lässt. Damit ist auch seine eigene Stimmung noch besser.

Dieses Thema im Programm:

Sportschau live, 19.09.2016, 10.00 Uhr

Stand: 13.09.16 17:03 Uhr

Medaillenspiegel

Aktueller Medaillenspiegel
Platz Land G S B
1. Flagge Volksrepublik China CHN 107 81 51
2. Flagge Großbritannien GBR 64 39 44
3. Flagge Ukraine UKR 41 37 39
4. Flagge USA USA 40 44 31
5. Flagge Australien AUS 22 30 29
6. Flagge Deutschland GER 18 25 14
7. Flagge Niederlande NED 17 19 26
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