Die deutsche Läuferin Irmgard Bensusan jubelt. © Binh Truong/DBS Foto: Binh Truong

Leichtathletik

Drei Medaillen dank deutscher Gründlichkeit?

von Florian Neuhauss, sportschau.de

Irmgard Bensusan schickt sich an, für Deutschland drei paralympische Medaillen zu gewinnen. Dabei galt sie in ihrem Heimatland Südafrika nicht mal als behindert. Für den Deutschen Behindertensportverband (DBS) ein Glücksfall, ist die Erklärung dafür doch einfach.

In die deutsche Fahne gehüllt hat Irmgard Bensusan ihre erste Medaille bei den Paralympics in Rio de Janeiro gefeiert. "Ich trage den Adler auf der Brust und bin stolz darauf", sagte die gebürtige Südafrikanerin der ARD. Deutschland hat der 25-Jährigen, die eine deutsche Mutter hat, die Möglichkeit gegeben, wieder auf Top-Niveau Sport zu treiben - und Edelmetall zu gewinnen. "Ich freue mich so."

Früher startete Bensusan bei den Nichtbehinderten für ihr Heimatland. Bei einer nationalen Meisterschaft in Südafrika stürzte die junge Frau aus Pretoria aber an einer Hürde, verletzte sich schwer am Knie und zog sich eine dauerhafte Nervenschädigung zu. Dadurch fehlt ihr die Kontrolle über einige Muskeln im rechten Bein und sie hat einen sogenannten Drop foot. Seitdem kann sie den Fuß nach ein paar Schritten nicht mehr nach oben ziehen; ohne eine Schiene würde sie praktisch auf dem Fußrücken laufen. Das Karriereende! Eigentlich ...

Mutter Bensusan bleibt hartnäckig

Denn ihre Mutter ermutigte sie dazu, sich im Behindertensport zu versuchen. Dafür musste sich Bensusan aber zunächst klassifizieren lassen. Womöglich ging die junge Frau das Unterfangen ein wenig blauäugig an, feststeht, dass sie nicht klassifiziert worden ist. "In Südafrika hieß es, dass ich gar nicht behindert bin", betont die Athletin, die das Ganze schon "komisch" findet. Ihre Mutter wiederum wollte das so nicht hinnehmen - und nahm Kontakt zum DBS auf.

Über den Leichtathletik-Bundestrainer Willi Gernemann landete Bensusan dann bei Bayer Leverkusen. "Wir haben uns zunächst ein Bild von Irmgard gemacht, um zu sehen, ob eine Klassifizierung realistisch ist", erklärt Jörg Frischmann. "Danach sind wir das Projekt gemeinsam angegangen." Der Geschäftsführer der Behindertensportabteilung ließ sich aus Südafrika alle medizinischen Unterlagen, aber auch Fotos und Videos schicken. Deutsche Gründlichkeit. Bei Dr. Helmut Hoffmann stellte Frischmann den Fall dann vor. Der deutsche IPC-Klassifizierer war auch dabei, als Bensusan bei den internationalen deutschen Meisterschaften 2014 klassifiziert werden sollte.

Training mit Popow und Behre

Kurios: Die Untersuchung führte dieselbe Frau durch, die in Südafrika den Kopf geschüttelt hatte. Doch bei Ansicht der medizinischen Befunde war die Sache schnell klar. Mit einer Teillähmung im rechten Unterschenkel und Nervenschaden erhielt Bensusan die Klasse T44. Die 25-Jährige trainiert in Leverkusen unter Karl-Heinz Düe, der auch Heinrich Popow und David Behre unter seinen Fittichen hat. Der Verein hat nahe der Stadt auch eine Wohnung für die Athletin gefunden, die allerdings, immer wenn das Heimweh zu groß wird, in Absprache mit Trainer Düe einen Abstecher gen Südafrika macht.

Ihre Beeinträchtigung ist wohl am größten

Leichtathletin Irmgard Bensusan © Beautiful Sports / Axel Kohring

Irmgard Bensusans Prothese muss wegen Verschleiß regelmäßig ausgetauscht werden.

In Rio startet Bensusan gemeinsam mit ein- und beidseitig Amputierten. Dass sie mit beiden Beinen und "nur" der Carbonschiene läuft, erscheint nur auf den ersten Blick als ein Vorteil. Die Hightech-Prothesen ihrer Konkurrentinnen lassen Bensusans Orthese alt aussehen, die Beeinträchtigung der Deutschen ist aber wohl am größten. Anders als ihre Kontrahentinnen kann sie den Fuß nicht abrollen, sondern tritt nach außen. Damit sei ihre Behinderung mit den Unterschenkelamputierten vergleichbar, heißt es. In Leverkusen habe man viel ausprobiert, unterstreicht Frischmann, die Athletin komme aber mit diesem ganz normalen Hilfsmittel, das aus Verschleißgründen regelmäßig ausgetauscht werden muss, am besten klar.

"Man läuft immer für Gold"

Und so schief kann Bensusan mit ihrer Wahl nicht liegen: Über 400 Meter holte sie ebenso Silber wie über die 200 Meter. Nach dem zweiten zweiten Platz war die gebürtige Südafrikanerin allerdings ein bisschen angefressen. "Ich bin happy, sehr glücklich", sagt die 25-Jährige zunächst im ARD-Interview, um dann einzugestehen: "Nicht wirklich. Man läuft immer für Gold." Eine Chance hat sie noch, über 100 Meter (Samstag, 17.09.16). Und vielleicht könnte sie der Edelmetall-Hattrick versöhnlich stimmen - wohlgemerkt für Deutschland.

Dieses Thema im Programm:

Sportschau live, 19.09.2016, 10.00 Uhr

Stand: 16.09.16 18:41 Uhr

Medaillenspiegel

Aktueller Medaillenspiegel
Platz Land G S B
1. Flagge Volksrepublik China CHN 107 81 51
2. Flagge Großbritannien GBR 64 39 44
3. Flagge Ukraine UKR 41 37 39
4. Flagge USA USA 40 44 31
5. Flagge Australien AUS 22 30 29
6. Flagge Deutschland GER 18 25 14
7. Flagge Niederlande NED 17 19 26
Stand nach 528 von 528 Entscheidungen.

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