Alessandro Zanardi jubelt. © picture-alliance Foto: Daniel Karmann

Strassen-Radsport

Alex Zanardi: "Immer wieder aufgestanden"

von Andreas Bellinger, sportschau.de

Das Grauen geschah auf dem Lausitzring. Alessandro Zanardi, den sie "Alex" nennen, verunglückte auf der Rennstrecke im Brandenburgischen. Beide Beine wurden dem Italiener abgerissen, sein Leben hing am seidenen Faden. 15 Jahre ist das her. "Die Ärzte im Unfallkrankenhaus in Berlin haben mir das Leben gerettet", sagt der 49-Jährige in der TV-Sendung "Sportclub Stars" des NDR und beschreibt, wie sein Lebensmut überlebte. Bis 2009 fuhr er Rennen in einem umgebauten Boliden - dann im paralympischen Handbike. In London gewann er Gold und Silber. In Rio ist Zanardi wieder am Start: "Solange du Träume hast und Dinge, die du erledigen musst, bist du glücklich", sagt er.

Mitten auf der Strecke wurde Zanardi von seinem Kollegen Alex Tagliani erwischt. Volle Breitseite mit Tempo 320. Ein Inferno, in dem der Monoposto des damals 34-Jährigen in Tausende Einzelteile zerschmettert, seine Beine abgerissen wurden. Überlebenschance? Keine. So dachten alle auf den vollbesetzten Rängen, wenn sie nach dem Schock überhaupt dazu imstande waren. Den Ersthelfern bot sich ein Bild des Grauens. "Das wird hart zu reparieren sein, habe ich noch gedacht", erinnert sich Zanardi in der Sendung "Sportclub Stars" des NDR. Dann fiel er in den Trümmern seines Cockpits in Ohnmacht.

"Hey, was hast du denn genommen?"

So grausam und absurd es auch klingen mag: In der Folge dieses unheilvollen 15. September 2001 gab es eine ganze Reihe glücklicher Umstände, die Zanardi den Weg zurück ins Leben geebnet und ihn nach eigenen Worten zu einem zufriedenen Menschen mit Zielen, Idealen und großem Spaß an jeglicher Herausforderung gemacht haben. "Wenn ich gefragt werde, was ich vermisse, dann sind es sicher nicht meine Beine", sagt der am 23. Oktober 1966 in Bologna geborene Profisportler, der als Rennfahrer reüssierte und als zweifacher Goldmedaillen-Gewinner der Paralympics 2012 in London zum Vorbild wurde. "Wenn mir das einer vor ein paar Jahren gesagt hätte, hätte ich geantwortet: Hey, was hast du denn genommen? Ich bin doch Rennfahrer!"

Das Wunder nach der letzten Ölung

"Ich bin in meinem Leben oft hingefallen - und immer wieder aufgestanden", sagt Zanardi. Sein tiefer Glaube half ihm dabei. Doch vor 15 Jahren ging es nicht um hinfallen oder aufstehen. Damals war er vollkommen machtlos, gleichsam ausgeliefert auch den Ärzten im Unfallkrankenhaus in Berlin. Dass er es bis dorthin überhaupt geschafft hat, ist für Professor Walter Schaffartzik bis heute ein Wunder. Sieben Mal musste Zanardi während des Flugs in die Klinik reanimiert werden, die letzte Ölung hatte ihm der Pastor schon am Lausitzring gegeben.

Acht Tage künstliches Koma

Mehr tot als lebendig landete Zanardi ("Ich war dem Himmel schon sehr nah") auf dem OP-Tisch. Acht Tage künstliches Koma folgten und die stete Angst, die Organe könnten komplett versagen. Doch schon nach vier Tagen und zahllosen Operationen konnte er wieder alleine atmen. "Es ist wirklich ein medizinisches Wunder", sagt Oberarzt Gerd Schröter. "Die Selbstheilungskräfte, wie es populärwissenschaftlich so schön heißt, vor allem aber auch der Wille des Patienten spielten eine große Rolle." Schon nach sechs Wochen konnte Zanardi die Klinik verlassen. Er tat dies mit einem  Lächeln, erinnern sich Ärzte, Pfleger und seine Frau Daniela, die einst seine Chefin im Formel-3-Team war. Aber nur noch mit Stümpfen, wo einst seine Beine waren. 

"Jeder Schritt zum Erfolg tut weh"

Alessandro Zanardi bei einer Pressekonferenz bei den Paralympics 2016 in Rio de Janeiro. © imago

15 Jahre liegt der Unfall auf dem Lausitzring jetzt zurück, bei dem Alessandro Zanardi beide Beine verlor.

"Seine Beine waren nicht mehr zu retten", hieß es lapidar im ärztlichen Bulletin. Und trotzdem versprühte Zanardi Mut und Lebensfreude. Knapp zwei Jahre nach dem Unfall saß er wieder in einem Rennwagen und holte die ehedem zum Sieg fehlenden 13 Runden auf dem Lausitzring nach. Die Tribünen waren wieder voll, als er seine Runden drehte und Zeiten fuhr, die im Rennen zum fünften Startplatz gereicht hätten. Zanardi habe sich mit seiner Behinderung arrangiert, sagt Schaffartzik. In der Reha in Bologna lernte er, mit Prothesen zu laufen. "Aber jeder Schritt zum Erfolg tut weh", sagt Zanardi und erklärt, warum es ein Glück war, ausgerechnet nach Berlin ins Unfallkrankenhaus gekommen zu sein: "Die Ärzte haben so viel wie möglich von meinen Beinen erhalten. Das verhilft mir zu einem viel besseren Leben."

Ironman und Handbike-Weltmeister

Das Leben mit Prothesen ist selbstverständlich geworden. 2014 absolvierte Zanardi auf Hawaii den Ironman-Triathlon mit Handbike und Rollstuhl - in unter zehn Stunden. 2015 siegte er sogar und wurde zudem Handbike-Weltmeister. Das Rad mit den handbetriebenen Kurbeln ist sein neuer Monoposto - Marke Eigenbau, getuned für Rio. Zanardi trainiert 80 bis 100 Kilometer, jeden Tag. Er werkelt im Keller mit seinem Team, rutscht auf dem Boden herum, optimiert sein Sportgerät.

Außen stachelig - innen zuckersüß

Die Menschen verehren ihn, bewundern den Lebensmut und die Courage, mit der "Pineapple" seine Behinderung meistert. Der Spitzename passt: Ananas ist außen stachelig und innen zuckersüß. Bisweilen treibt ihm die Zuneigung sogar Tränen in die Augen. Nach zwei Gold- und einer Silbermedaille in London zum Beispiel, als ihn sein 13-jähriger Sohn Niccolo umarmte und sagte: "Ich möchte, dass du weißt, dass ich dich liebe. Nicht weil du gewonnen hast, sondern weil du mein Vater bist."

Der Himmel kann warten

Zanardi kommt aus einfachen Verhältnissen, und vielleicht ist er deshalb stets bescheiden geblieben. So war es in seinem ersten Leben als Formel-1-Rennfahrer (1991-1999), so war es wohl auch in der US-amerikanischen Champ-Car-Serie (zwei Meisterschaften) und so ist es ganz bestimmt in seinem zweiten Leben als paralympischer Handbiker. Niederlagen schrecken ihn längst nicht mehr. Dafür habe er viel zu viele schlechte Momente gehabt. Der Tod seiner Schwester bei einem Autounfall gehört sicher dazu und der seines Vaters Ende der 1990er-Jahre. Zanardi blickt gen Himmel, während er davon erzählt und flüstert: "Dort sehen wir uns irgendwann wieder; noch aber habe ich es nicht eilig."

Warum machen Erfolge traurig?

Alessandro Zanardi © dpa Foto: Facundo Arrizabalaga

"Projekt Gold": Alessandro Zanardi will nach London 2012 auch in Rio Paralympics-Sieger werden.

Es sind inzwischen die Momente des Erfolgs, die Zanardi nachdenklich und ein bisschen auch traurig machen. Dann kann es passieren, dass er statt im Jubel zu posieren, wie ein Trauerkloß daherkommt. Sogar mit einer Goldmedaille um den Hals wie vor vier Jahren nach seinem Paralympics-Sieg ausgerechnet auf der legendären Rennstrecke in Brands Hatch. "Wenn du alles erreicht hast, liegt auch alles hinter dir", sagt Zanardi mit belegter Stimme. Die Jahre der Vorbereitung auf seine ersten Paralympics bezeichnet er als eine lustige Zeit. Die Goldmedaille zu holen, sei nur der letzte Akt gewesen. Das Ende quasi. Es spiegelt Zanardis Sicht auf das Leben wider, das man gar nicht genießen könne, sagt er, wenn immer alles gut wäre.

Sehnsucht nach warmem Sand unter den Füßen

Das ist seine Philosophie und wohl auch das Geheimnis seiner Wiedergeburt - als Sportler und bemerkenswerter Mensch. Der fürchterliche Unfall hat seine Beine zerstört, nicht aber seinen Optimismus und Lebensmut. Für sein großes Ziel Rio hat er wochenlang an einem neuen Handbike getüftelt, er machte es schneller, aerodynamischer, wie einst seine Boliden in der Formel 1. Es fehlt ihm an nichts - an fast nichts. Aus seinem Leben mit zwei Beinen vermisst er nur dies: "Den warmen Sand unter den Füßen bei einem Spaziergang am Strand."

Dieses Thema im Programm:

Sportschau live, 19.09.2016, 10.00 Uhr

Stand: 13.09.16 09:42 Uhr

Medaillenspiegel

Aktueller Medaillenspiegel
Platz Land G S B
1. Flagge Volksrepublik China CHN 107 81 51
2. Flagge Großbritannien GBR 64 39 44
3. Flagge Ukraine UKR 41 37 39
4. Flagge USA USA 40 44 31
5. Flagge Australien AUS 22 30 29
6. Flagge Deutschland GER 18 25 14
7. Flagge Niederlande NED 17 19 26
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