Dagur Sigurdsson, Trainer der deutschen Handball-Nationalmannschaft © picture alliance / Fotostand

Handball

"Bad Boys" - mit voller Kraft gegen Frankreich

Bundestrainer Dagur Sigurdsson hat den deutschen Handball innerhalb kürzester Zeit zurück in die Spitze geführt. Jetzt haben die "Bad Boys" olympisches Gold im Visier. Im Halbfinale am Freitag (19.08.16, 20.30 Uhr MESZ) wartet allerdings der ganz dicke Brocken: Frankreich.

Wer Dagur Sigurdsson in irgendein Schema einordnen möchte, hat ein Problem. Ein typischer Isländer ist der 42-Jährige, der den deutschen Handball als Bundestrainer in kürzester Zeit wieder wachgeküsst hat. Einer, der die Natur liebt, das Wasser, Eis, den vielen Platz in seiner Heimat, klar. Aber er mag auch die Stadt. In seiner Wahlheimat Berlin düst er mit seiner Harley von A nach B. Sigurdsson mag nicht nur Handball. Er ist fußballverrückt und geschäftstüchtig, in Island ist er Mitbesitzer eines Hotels, eines Restaurants und einer Pizzeria. Am Rand eines Handballfeldes flippt er aus wie ein Südländer. Ist das Spiel aber abgepfiffen, beeindruckt er mit klassisch nordischem Understatement. Normalerweise.

Kampfansage von Sigurdsson

Jetzt, vor dem olympischen Halbfinale seiner "Bad Boys" gegen Frankreich, sendet er eine Botschaft in die Welt, die für seine Verhältnisse einer echten Kampfansage gleichkommt. "Ich würde gerade nicht so gerne gegen unsere Mannschaft spielen", sagt er mit schelmischem Grinsen in Richtung französisches Handball-Lager. "Unsere Abwehr ist überragend, unser Torwart super", findet Sigurdsson. Es ist zu spüren: Nach dem EM-Titel hat Sigurdsson, der als 17-Jähriger noch Fußball-Junioren-Nationalspieler seines Landes war, bevor er zum Handball wechselte, jetzt das große Ding im Visier: Er wittert olympisches Gold.

EM-Spirit ist zurück

Der deutsche Handball-Torwart Andreas Wolff © Witters Foto: ValeriaWitters

Auf Torhüter Andreas Wolff ist auch in Rio Verlass.

Keine Frage, das deutsche Team hat es drauf, sich in Rio zu krönen. Nach holpriger Vorbereitung und nicht so prickelndem Start ins Turnier hat die Mannschaft nun offenbar wieder jenen Kampfgeist, jenen Team-Spirit und die absolute Fokussierung auf sich selbst erreicht, mit der sie im vergangenen Januar die EM gerockt hatte. "Deutsche Mannschaften sind irgendwie immer Turniermannschaften", sagt Keeper Andreas Wolff vor der Partie gegen das französische Starensemble. Worte, die Nikola Karabatic und Co. getrost als Drohung verstehen dürfen.

Während Trainer Sigurdsson das Wort Medaille auch nach dem famosen 35:22-Viertelfinal-Sieg gegen Katar nicht in den Mund nahm, wählte DHB-Vizepräsident Bob Hanning eine Metapher, um auszusprechen, was im deutschen Lager wahrscheinlich alle dachten: "Der Kuchen stand da, gegen Katar kam die Sahne drauf, und jetzt, jetzt wollen wir die Kirsche. Wir haben Lust und Hunger auf mehr."

Starke Abwehr als Schlüssel zum Erfolg

Zu dieser "Kirsche" führt wie gegen Katar nur eine starke Defensivleistung. Der Mittelblock mit Finn Lemke und Hendrik Pekeler läuft von Spiel zu Spiel heißer, im Viertelfinale war er kaum noch zu überwinden. "In der Vorbereitung waren wir in der Abwehr manchmal fahrlässig", sagt Wolff, "aber inzwischen hat jeder verstanden, dass die Abwehr der Schlüssel zum Erfolg ist." Hanning sah erstmals in Rio wieder das "Europameister-Gen".

Eine ähnliche Leistung wird gegen Frankreich vonnöten sein, denn die Equipe Tricolore hat den historischen Gold-Hattrick fest im Blick. Nach den Olympiasiegen von 2008 in Peking und 2012 in London spielten die Altmeister um Karabatic, Linkshänder Daniel Narcisse und Torwart-Ikone Thierry Omeyer bislang auch in Rio groß auf. Der Sieg in der Vorrunde gegen Katar (35:20) war ebenso imposant wie das 34:27 im Viertelfinale gegen Gastgeber Brasilien.

Frankreichs Stars greifen nach drittem Olympiasieg

Die französischen Handballer Ludovic Fabregas, Torwart Vincent Gerard, Luka Karabatic, Nikola Karabatic, and Timothey N'Guessan (v.l.n.r.) © dpa - Bildfunk Foto: Marijan Murat

Frankreichs Stars um Nikola Karabatic (2. v.r.) wollen das Gold-Triple.

"Wir sind stolz über das Erreichte, aber wir dürfen jetzt nicht aufhören", warnt Karabatic vor Selbstzufriedenheit. Neben ihm waren Luc Abalo, Michael Guigou, Narcisse und Omeyer schon bei den Sternstunden von Peking und London dabei.

Trainer-Ikone Claude Onesta griff vor der Partie am Freitag tief in die psychologische Trickkiste. Die deutsche Mannschaft sei "ein sehr junges Team mit großen Qualitäten, aber die Jugend ist vielleicht auch ihr Schwachpunkt. Da müssen wir ansetzen und ihnen das Selbstvertrauen Stück für Stück nehmen." Am Zuckerhut erleben die Franzosen zurzeit ihre x-te Renaissance.

Immer wieder wurde zuletzt das Ende der "Ära der alten Franzosen" beschworen, immer wieder schlug das Handball-Imperium zurück. Meist sogar stärker als zuvor. Zur Erinnerung: Auch in den Olympiajahren 2008 (Dritter) und 2012 (Elfter) verpasste Frankreich den EM-Titel - und bestieg wenige Monate später den Olymp. Jenen, den jetzt das deutsche Team fest ins Auge gefasst hat. Und Dagur Sigurdsson auch.

Dieses Thema im Programm:

Sportschau live, 21.08.2016, 07.00 Uhr

Stand: 19.08.16 04:42 Uhr

Medaillenspiegel

Aktueller Medaillenspiegel
Platz Land G S B
1. Flagge USA USA 46 37 38
2. Flagge Großbritannien GBR 27 23 17
3. Flagge Volksrepublik China CHN 26 18 26
4. Flagge Russland RUS 19 17 20
5. Flagge Deutschland GER 17 10 15
6. Flagge Japan JPN 12 8 21
7. Flagge Frankreich FRA 10 18 14
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