Bundestrainerin Silvia Neid (in weiß) klatscht die Spielerinnen an. © imago/ MIS

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Neids Chance auf einen goldenen Abschied

Beim olympischen Finale in Rio bekommt Bundestrainerin Silvia Neid die Chance, sich mit einem großen Titel zu verabschieden. Es wäre auch ein Sieg gegen ihre zahlreichen Kritiker.

"Das ist der Wahnsinn, das mein letztes Spiel mit der Frauen-Nationalmannschaft in diesem Stadion stattfindet, sprich im Finale. Das ist schon toll", sagte Neid vor dem Duell mit Schweden im Maracana am Freitag (22.30 Uhr MESZ). Wenn ihre derzeitige Assistenztrainerin Steffi Jones das Team nach der Rückkehr aus Rio als neue Chefin übernimmt, endet im Deutschen Fußball-Bund (DFB) eine Ära, die Neid maßgeblich mitgeprägt hat. "Das kann ich nicht ausblenden. Das will ich auch gar nicht. Die letzte Vorbereitung, die letzte Analyse, die letzte Spielbesprechung - das werde ich alles aufsaugen und genießen", sagte sie vor dem großen Finale ihrer langen Karriere mit dem DFB-Team.

Denn die Nationalmannschaft ohne Silvia Neid - das gab es noch nicht. Als Spielerin war sie schon beim ersten Länderspiel dabei, am 10. November 1982 gegen die Schweiz (5:1). Sie wurde in der 41. Minute eingewechselt und schoss eine Minute später das 3:0. Als Aktive, Co-Trainerin von Tina Theune-Meyer (1996 bis 2005) und Cheftrainerin (2005 bis 2016) war Neid an allen Erfolgen der Nationalmannschaft beteiligt. Sie wurde Weltmeisterin, Europameisterin und holte Medaillen bei Olympischen Spielen - jedoch keine goldene. 2010 und 2013 bekam sie die Auszeichnung zur Trainerin des Jahres.

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Die DFB-Frauen vor dem Finale im Teamcheck

Kritik aus der Liga, Rückhalt bei den Spielerinnen

Doch spätestens seit dem Debakel bei der Heim-WM 2011 sah sich Neid auch immer wieder Kritik ausgesetzt - die nach dem enttäuschenden Platz vier bei der WM 2015 in Kanada lauter wurde. Die geräuschvolle Nachbereitung der WM offenbarte tiefes, gegenseitiges Misstrauen zwischen Neid und der Liga. Neid schoss gegen die Vereine, beklagte mangelnde Fitness der Spielerinnen. Trainer und Offizielle der Spitzenklubs konterten, warfen der Bundestrainerin taktische Rückständigkeit und mangelnde Kritikfähigkeit vor. Ihre Forderungen nach einer Aussprache bügelte Neid ab ("Die Bundesligatrainer können sich ja zusammensetzen") - es herrschte Eiszeit im Frauenfußball.

Umso größer ist nun die Genugtuung über den Final-Einzug am Zuckerhut, wo Neid den letzten Titel gewinnen kann, der ihr in ihrer DFB-Karriere noch fehlt. Bei ihren Spielerinnen genießt die Bundestrainerin weiterhin volles Vertrauen. Fragt man nach ihrer Art, folgt häufig die gleiche Antwort. "Eine akribische Arbeiterin" sei sie immer gewesen, sagt Spielführerin Saskia Bartusiak. Neid habe stets "gefordert und gefördert", meinte Melanie Behringer, der Olympiasieg wäre auch der späte Dank an die Trainerin: "Ich würde es ihr total gönnen, wenn wir jetzt Gold gewinnen. Das wäre für sie der perfekte Abschluss."

Die erfahrene Bartusiak, mit 100 Länderspielen langjährige Wegbegleiterin, betonte vor dem Finale, dass die früher als autoritär geltende Neid seit dem Tiefpunkt vor fünf Jahren ihren Führungsstil angepasst habe, die Meinung der Spielerinnen sei nun durchaus gefragt. "Sie hat sich in den letzten Jahren uns gegenüber mehr geöffnet", sagte Bartusiak, die mit ihren Teamkolleginnen nach der Ankunft in Rio am Mittwoch erst einmal ausgiebig das Olympische Dorf erkundete und zahllose Erinnerungsfotos schoss.

Vorfreude auf Maracana: "Gold zum Greifen nah"

Das Finale im geschichtsträchtigen Fußball-Tempel Maracana, in dem Joachim Löws Auswahl 2014 den vierten Weltmeistertitel holte, löste auch bei den Spielerinnen große Vorfreude aus: "Sie haben dort vor zwei Jahren Großes erreicht, wir freuen uns sehr, dass wir dort auch wahnsinnig Großes erreichen können. Gold ist zum Greifen nah", sagte Abwehrchefin Bartusiak. Davor steht der Klassiker gegen die schwedischen Maurer-Meisterinnen - und das Duell der zwei "alten Hasen" - so Neid über ihre Trainer-Kollegin Pia Sundhage, die in ihrer Heimat ähnlichen Ikonenstatus genießt wie Neid im deutschen Frauenfußball. Sundhage führte ihre Mannschaft mit einer extremen Mauer-Taktik ins Finale - und warf dabei die Top-Favoriten USA und Brasilien jeweils im Elfmeterschießen aus dem Turnier.

Neids Abschiedsspiel könnte also durchaus in die Verlängerung gehen - doch unabhängig vom Ausgang steht die Vereinbarung mit Horst Hrubesch, dem Trainer der olympischen Männer-Auswahl. "Wir haben verabredet, dass wir uns auf dem Rückflug wiedersehen - mit einer Medaille um den Hals", hatte Hrubesch vor dem olympischen Fußball-Turnier verraten. Nachdem auch Hrubeschs Auswahl im Finale von Rio steht, wird es auch so kommen. Und vielleicht werden sich die Bundestrainerin und der Trainer der deutschen Olympiafußballer nach ihren letzten Spielen im Amt sogar gegenseitig ihre Goldmedaillen präsentieren. Es wäre ein historischer Triumph.

Dieses Thema im Programm:

Sportschau live, 21.08.2016, 07.00 Uhr

Stand: 19.08.16 08:25 Uhr

Medaillenspiegel

Aktueller Medaillenspiegel
Platz Land G S B
1. Flagge USA USA 46 37 38
2. Flagge Großbritannien GBR 27 23 17
3. Flagge Volksrepublik China CHN 26 18 26
4. Flagge Russland RUS 19 18 19
5. Flagge Deutschland GER 17 10 15
6. Flagge Japan JPN 12 8 21
7. Flagge Frankreich FRA 10 18 14
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