Mourad Laachraoui © Imago Foto: Imago

Taekwondo

Mourad Laachraoui: Der Sport bietet Halt

von Andreas Bellinger, sportschau.de

Bei Olympia kämpft Mourad Laachraoui für Belgien im Taekwondo. Sein Bruder Najim war ein Bombenleger und Terrorist, der an dem Anschlag auf den Brüsseler Flughafen im März dieses Jahres beteiligt war.

Mourad Laachraoui kommt aus Belgien, ist Taekwondo-Kämpfer und  bei den Olympischen Spielen wahrscheinlich nur als Sparringspartner im Einsatz. Nichts Außergewöhnliches, möchte man meinen, angesichts der Riege der olympischen Superstars. Und doch steht der 21-Jährige in Rio im weltweiten Fokus - beobachtet und bewacht: Ein normaler Sportler eigentlich, Student der Elektromechanik und seit Mitte Mai Europameister in der Klasse bis 54 Kilogramm. Aber er ist eben auch der Bruder eines Mörders, eines Terroristen.

"Mourad und das Monster"

Najim Laachraoui hat sich beim Anschlag auf dem Brüsseler Flughafen am 22. März dieses Jahres in die Luft gesprengt und war wohl auch als Bombenbauer an den Terrortaten am 13. November 2015 in Paris beteiligt. "Mourad und das Monster", überschrieb der "Spiegel" unlängst eine Geschichte über die ungleichen Brüder und beleuchtet damit den Zwiespalt, an dem der vier Jahre jüngere Mourad nicht zerbrechen will. Auf der einen Seite, so beschreibt er in dem Beitrag, komme er nicht klar damit, was sein Bruder verbrochen hat. Andererseits  wolle er aber auch nicht aufhören, ihn zu lieben. "Er fehlt mir als Bruder. Aber er fehlt mir nicht für das, was er getan hat", sagt er - und weiß doch, wie schwer das angesichts der Grausamkeiten zu begreifen ist.

Taekwondo als Lehrmeister

"Es ist schrecklich, was er gemacht hat. Aber ich bin vor allem wütend auf die, die ihn dazu gebracht haben", sagt Mourad Laachraoui. Lange habe er darüber nachgedacht, wie es dazu gekommen ist - eine Erklärung hat er nicht gefunden: "Ich weiß nicht, was passiert ist, und ich werde es wohl nie wissen." Als Kinder haben sie zusammen mit dem Vater, der aus Marokko stammt, Karate-Filme mit Bruce Lee und Jackie Chan gesehen. Die Motivation zum Sport klappte und beide begannen, sich für Kampfsportarten zu begeistern. Anfangs war es Karate, bis der Club um die Ecke geschlossen wurde. "Taekwondo hat mich gelehrt, wie man andere Menschen respektiert", sagt Mourad - seinen Bruder Najim offenbar nicht.

Hass und mörderische Pläne

Als er die ersten Wettkämpfe bestritt, war Mourad 14 Jahre alt. Sein Bruder war 18 und hörte zur selben Zeit auf mit dem Sport. Najim las viel über Politik, der Kinnbart begann zu sprießen - und die Entwicklung der beiden Brüder driftete langsam, aber unaufhörlich auseinander. Während der eine im Sport Halt, Motivation und Bestätigung fand, wuchsen im anderen der Hass auf den Westen und der heimliche Plan von mörderischen Attentaten. Die Brüder sahen sich nur noch sporadisch. „Aber wenn wir uns zu Hause getroffen haben, gab es immer etwas zu lachen. Er war überhaupt nicht unglücklich. Er lebte gut, hatte keine Probleme", sagt Mourad im "Spiegel". 2013 brach der Kontakt ab.

Mourad: "Überhaupt nichts gewusst"

Najim, der Ältere, besuchte nun immer häufiger die Moschee Ettaouba d'Evere im Norden Brüssels und radikalisierte sich endgültig, wie es im Urteil der 90. Kammer des Strafgerichtshofs in Brüssel steht. Später meldete er sich mehrfach aus Syrien, was sein Vater der Polizei auch erzählte. Laut "Spiegel" lebte er nördlich von Aleppo, kämpfte für den sogenannten "Islamischen Staat" und bewachte Geiseln, bis er in mörderischer Absicht zurück nach Belgien kam. Trotz internationalen Haftbefehls lebte er dort zuletzt unbehelligt nur 400 Meter entfernt von der Universität seines jüngeren Bruders. Mourad Laachraoui: "Bis zum Anschlag haben wir überhaupt nichts gewusst."

In seinem Sport sucht Mourad Laachraoui seither auch das Vergessen.  Die Gewissheit, dass sein Bruder ein Monster geworden ist, ist schwer zu akzeptieren. Genauso schwer ist es aber, das allgegenwärtige Misstrauen zu bekämpfen und zu beweisen, dass er nicht wie Najim ist. Niemand habe ihn nach den Anschlägen beschimpft, beschuldigt oder gar verdächtigt, erzählt Mourad, aber das stumme Misstrauen, die Blicke und das Getuschel spüre er schon.

Kaum Chance auf Kämpfe

Obwohl er einer der besten Taekwondo-Kämpfer ist, in seiner Klasse sogar die Nummer drei der Weltrangliste ist, wird er in Rio kaum starten können. Bei Olympia gibt es nur vier Gewichtsklassen - und seine bis 54 Kilogramm ist nicht dabei. Um die Medaillen wird er nur kämpfen dürfen, wenn sich einer aus seinem belgischen Team verletzt und nicht starten kann. Aber viel Hoffnung hat er nicht, zumal die Chancen in einer anderen Gewichtsklasse ohnehin minimal wären.

"Nicht der mit der Bombe"

Dennoch ist Mourad Laachraoui froh, in Rio dabei zu sein. Geborgen in der Sportler-Familie und in gewisser Weise auch beschützt von seinem Trainer Leonardo Gambluch. "Du bist nicht der mit der Bombe", hat er seinem Schützling immer wieder eingebläut. "Du bist einer der besten Sportler Belgiens, ein Vorbild."

Dieses Thema im Programm:

Sportschau live, 21.08.2016, 07.00 Uhr

Stand: 05.08.16 08:00 Uhr

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1. Flagge USA USA 46 37 38
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