Der britische Rugby-Spieler James Davies (r.) und seine Tattoos auf den Fingerknochen © imago/Xinhua

Tattoos: Wetten, Schicksalsschläge und viele Ringe

von Dirk Hofmeister, sportschau.de

Bei den Spielen von Rio gab's unzählige Tattoos zu sehen und unzählige Geschichten dazu zu hören. Wir gehen dem Trend bei den Athleten auf den Grund und erklären einige Tätowierungen.

Es war eine lange und feuchtfröhliche Nacht in Las Vegas, an deren Ende James Davies zum Tätowierer ging. Ein paar Wochen zuvor hing der Rugbyspieler mit seinem Teamkollegen Rhys Priestland ab. In einer Bierlaune sagte sein Kumpel, dass er 1000 Pfund wetten würde, dass sich Davies niemals seinen Spitznamen "Cubby Boi" auf die Finger tätowieren lassen würde. In Las Vegas, in einem Pool und nach einer ordentlichen Menge Drinks, kommt das Thema wieder auf. Diesmal sind mehrere Teamkollegen dabei, Davies wird aufgezogen. Und schließlich wankt er in den Tattooladen. Wenig später prangt sein Spitzname, zu deutsch etwa "Spieljunge", auf seinen Fingerknöcheln. An die Tattoosession kann sich der heute 25-Jährige kaum noch erinnern, wohl aber an den Moment des Aufwachens: "Ein Schock. Das war einer der schlimmsten Tage, die ich je hatte."

Story ein Einzelfall, Tätowierung nicht

Diese ist eine von unzähligen Tattoo-Stories der Olympischen Spiele. Mittlerweile hat sich der Waliser an seine Tätowierung gewöhnt und zeigt sie sogar voller Stolz. Inzwischen ist Davies zudem olympischer Silbermedaillengewinner. Großbritannien wurde erst im Finale von Fidschi geschlagen.

Mit seiner Story ist Davies ein Einzelfall bei den Spielen. Mit seiner Tätowierung allerdings nicht. Längst sind die Tattoos bei sportlichen Großveranstaltungen so präsent wie im Alltag vieler Menschen - zumindest im Alltag der westlichen Welt, wo sich Tätowierungen seit nunmehr fast 20 Jahren einer ungebremsten und steigenden Beliebtheit erfreuen.

Sportler

Die schönsten Tattoos der Olympia-Sportler

Zugehörigkeit und Erinnerung

Besonders häufig zu sehen bei den Olympiateilnehmern: die olympischen Ringe. Etwa 100 der Athleten von Rio haben schon ein Ringe-Tattoo oder wollen es sich stechen lassen. Und das aus unterschiedlichen und doch sehr ähnlichen Gründen. Für die kanadische Turnerin Brittany Rogers verdeutlichen die Ringe "eine Reise". Olympia sei "das Licht und das Ende des Tunnels". Für den britischen Wasserspringer Thomas Dailey waren sie ein Geburtstagsgeschenk seiner Mutter, nachdem er sich für Olympia 2012 qualifiziert hatte. Jamaikas Weitspringer Aubrey Smith ließ sich die Ringe weit vor seiner Quali stechen: Als Motivation, dass er sich eines Tages mit den Besten der Welt messen kann. Das gelang ihm nun in Rio, auch wenn er dort im Vorkampf ausschied.

Der mexikanische Ringer Alfonso Leyva Yepez löste mit dem Tattoo ein Versprechen an seinen Vater ein, dass er sich einmal für Olympia qualifizieren werde. Die slowenische Schwimmerin Tjasa Vozel tätowierte sich, nachdem sie von den Spielen 2012 heimgekehrt war. Und auch nach den jetzigen Spielen wird es einige neue Tätowierungen dieser Art geben. Darunter alle Eltern der australischen Rugby-Frauen. Vor den Spielen schworen sich die Eltern beim Abschied ihrer Töchter: Wenn es in Rio Gold gibt, dann lassen wir uns ein Rio-Motiv stechen. Die Töchter erfüllten ihren Part der Abmachung. Nun müssen die Eltern nachziehen.

Traurige Anlässe

Der kanadische Volleyballer Frederic Winters und sein Tattoo © imago/Newspix

Frederic Winters mit dem Porträt seiner Großmutter.

Aber es sind nicht nur die positiven Erinnerungen. Dem Schmerz des Stechens einer Tätowierung geht manchmal auch ein psychischer oder körperlicher Schmerz voraus. Wie bei der portugiesischen Leichtathletin Marta Pen Freitas, die an ihrem Handgelenk die Unterschrift ihres Vaters trägt. Während die 1500-Meter-Spezialistin im Winter in einem Regionalrennen um die Qualifikation für Rio lief, verstarb ihr Vater. Im Stadion. Während des Rennens. Durch einen Herzanfall. "Ich würde ihn gern hier haben, aber er lebt in mir weiter", sagt die 23-Jährige. Ebenfalls traurig: Der kanadische Volleyballer Frederic Winters ließ sich das Porträt seiner Großmutter auf den Oberarm stechen, nachdem er ihre Beerdigung wegen eines Qualifikationswettbewerbs für die Nationalmannschaft verpasst hatte.

Österreichs Siebenkämpferin Ivona Dadic erinnert mit einem Kreuz und dem Namen "Ivan" auf der Innenseite ihres rechten Handgelenks an ihren bei einem Autounfall verstorbenen Bruder. Australiens Hockeyspieler Blake Govers trägt auf seiner Schulter zwei Rosenknospen und hält damit die Erinnerung an zwei ermordete Cousins wach. Katelin Snyder, mit dem Ruder-Achter der USA Olympiasiegerin, trägt ein Lilien-Tattoo an einem Finger der rechten Hand, um an ihren jüngeren, an Krebs verstorbenen Bruder zu erinnern.

"Kraft des Willens" und "Schmerz ist vergänglich"

Der deutsche Turner Marcel Nguyen und sein Tattoo © imago/Schreyer

Marcel Nguyen mit dem "Schmerz ist vergänglich, Stolz ist für immer"-Tattoo.

Mittel zum Zweck können Symbole, magische Tiere oder Schriftzüge sein. Der norwegische Leichtathlet Henrik Ingebrigtsen trägt die lateinischen Worte "Citius, Altius, Fortius" ("schneller, höher, stärker") auf dem Oberarm. Damit habe er "all die Motivation, die ich brauche, immer da, wo ich sie sehen kann", wie Ingebrigtsen sagt. Die italienische Schwimmerin Aglaia Pezzato ließ sich nach ihrer Genesung von zwei Schulteroperationen "Nur die Kraft des Willens lässt Titan fließen" stechen. Der deutsche Turner Marcel Nguyen trägt auf der Brust den Spruch "Schmerz ist vergänglich, Stolz ist für immer". Der Unterhachinger zeigte diese Worte zum Abschluss seiner olympischen Karriere auch in Rio. Vor vier Jahren in London hatte er das Tattoo noch aus Angst vor schlechteren Kampfrichterbewertungen abgeschminkt.

Mit Tattoo-Fundraising nach Rio?

Der US-amerikanische Volleyballer Matthew Anderson und sein Tattoo am rechten Handgelenk © picture alliance / dpa Fotograf: Orlando Barria

Matthew Anderson mit dem Autismus-Tattoo am rechten Handgelenk.

Während es also noch nicht so lange her ist, dass Tätowierungen verdeckt wurden, dienen sie heutzutage auch dazu, eine Portion Extra-Aufmerksamkeit zu erhalten. Manchmal für einen guten Zweck, wie das internationale Autismus-Symbol am Unterarm des US-Volleyballers Matthew Anderson. "Ich werde oft darauf angesprochen und kann so meinen an Autismus erkrankten Neffen und andere autistische Kinder unterstützen", erklärt der 29-Jährige. Manchmal soll die Extra-Aufmerksamkeit aber auch helfen, sich den Traum von Olympia überhaupt zu erfüllen. Mit einem Fundraising-Projekt wollte sich Hindernisläuferin Victoria Mitchell die Reise nach Rio finanzieren. Für 30.000 Dollar konnte man ein Tattoo bestimmen, das sich die 34-Jährige dann auf den Knöchel tätowieren lassen würde. Das Gebot gab niemand ab, Mitchell schaffte es trotzdem an den Zuckerhut und ließ sich auf die Rippen die olympischen Ringe tätowieren.

"Zum Glück muss ich ihn ja nicht sehen"

Bei diesen ganzen mit Bedeutung aufgeladenen Tätowierungen legen manche Sportler besonderen Wert darauf, dass sie ihre Tätowierungen einfach mögen. Wie Frankreichs Handballer Valentin Porte: "Sie sind einfach cool", erklärt der Silbermedaillengewinner von Rio trocken. Und dann gibt es natürlich ähnlich gelagerte Fälle wie die von Rugbyspieler James Davies. Tattoos, die die Träger bereuen. Frankreichs Gewichtheber Benjamin Didier Hennequin gehört mit einem Gorilla auf dem Rücken dazu. "Den habe ich von einem Freund meines Vaters machen lassen. Nicht wirklich, was ich wollte, er ist viel zu groß. Aber zum Glück muss ich ihn ja nicht sehen", sagt der 31-Jährige. Und damit hat er wirklich einen klaren Vorteil zu Davies und seinen Fingertattoos.

Hintergrund zum Thema Tattoo

Nach aktuellen Forschungen tragen 25 bis 30 Prozent der jungen Erwachsenen in den westlichen Ländern wie Deutschland, Großbritannien, Frankreich, den USA oder Australien Tattoos. Gesonderte Untersuchungen zu Sportlern sind nicht bekannt, groben Schätzungen zufolge waren aber bei rund 300 Athleten von Rio sichtbare Tattoos zu sehen. Die Motive, sich tätowieren zu lassen, reichen vom modischen Statement über die Betonung von Identität und Individualität, Erinnerung an wichtige Lebensereignisse bis zur Verdeutlichung einer Gruppenzugehörigkeit.

Die Forscher glauben, dass der Tattooboom der vergangenen Jahre zum einen eine Referenz an die jahrtausendealte Tradition des Tätowierens ist. Mit Tattoos wurden soziale Strukturen in Stammesgemeinschaften dokumentiert. Ein olympisches Ringe-Tattoo könnte solch eine soziale Funktion haben, wird dadurch doch die Zugehörigkeit zu einer besonderen Gruppe dokumentiert. Tattoos waren aber immer auch biografische Marker. Für die Aufnahme in den Kreis der Erwachsenen, für eine Heirat, aber auch für die Trauer bei einem Verlust. Das schmerzhafte Ritual des Tattoostechens als Hilfe bei der Überwindung seelischen Leids.

Dass es überhaupt eines Rückgriffs auf archaische Rituale bedarf, hat aber auch ganz moderne Gründe. Oder vielmehr postmoderne. In Zeiten des Spätkapitalismus und des großen technischen Fortschrittes erscheint jeder Mensch austauschbar. Es scheint nötig, die eigene Individualität, die eigene Besonderheit hervorzuheben. Psychologin Ada Borkenhagen von der Universität Leipzig spricht sogar vom "gesellschaftlichen Imperativ zur Selbstoptimierung". Tattoos können helfen, sich aus der Masse abzuheben, sich vom Nebenmann oder der Nebenfrau abzugrenzen und die eigene Stärke zu betonen.

Etwa fünf bis zehn Prozent aller Tattooträger bereuen es allerdings auch, dass sie sich die Farben haben unter die Haut stechen lassen.

Dieses Thema im Programm:

Sportschau live, 21.08.2016, 07.00 Uhr

Stand: 22.08.16 10:07 Uhr