Bilanz

Olympia in Rio: Glanz, Kritik und schwere Zeiten

von Bettina Lenner, sportschau.de

Feuerwerk vor den olympischen Ringen in Rio de Janeiro © picture alliance / AP Photo Fotograf: Felipe Dana

Die Olympischen Spiele in Rio, die ersten in Südamerika, sind Geschichte. Probleme gab es viele, aber auch großartigen Sport und glanzvolle Momente. Das Thema Doping war allgegenwärtig. Eine Bilanz.

Es war kein leichtes Erbe, das Rio de Janeiro nach dem heiteren, unbeschwerten Sportfest vier Jahre zuvor in London antrat. Und tatsächlich werden die ersten Olympischen Spiele in Südamerika wohl nicht als besonders gute in die Geschichte eingehen. Hoffnungsvoll gestartet in einem aufstrebenden Brasilien, fehlte es der Olympia-Stadt Monate vor der feierlichen Eröffnung am Nötigsten: Wettkampfstätten wurden erst auf den letzten Drücker fertig, im olympischen Dorf erlebten die Athleten Pfusch am Bau, das Geld reichte vorne und hinten nicht. Finanznotstand, Zika, Kriminalität - Olympia kam in Anbetracht der vielen sozialen, politischen und wirtschaftlichen Probleme zur Unzeit.

Thema Doping schwebt über allem

Das russische Team läuft ins Maracana-Stadion ein. © dpa Fotograf:  Lukas Schulze

Das russische Team war am Ende alles andere als klein.

Zudem trat unter dem Brennglas des größten Sportereignisses der Welt das Glaubwürdigkeitsproblem des Sports offen zutage. Das Thema Doping schwebte über allem - und hatte die Sommerspiele beschädigt, noch bevor sie begonnen hatten. Dürfen russische Athleten am Zuckerhut starten? Ja, nein, vielleicht - die zentrale, wenn nicht sogar zentralste Frage dieser Spiele ließ das Internationale Olympische Komitee (IOC) unbeantwortet. Die Herren der Ringe mit Präsident Thomas Bach an der Spitze verzichteten auf einen Komplett-Ausschluss Russlands, reichten stattdessen die Verantwortung an die Weltverbände weiter - und lösten damit ein Chaos aus, wie es die Welt in 120 Jahren Olympia nicht gesehen hat. Die Wettkämpfe liefen schon, da war noch immer nicht klar, wie viele Russen wohl starten würden. Am Ende waren es rund 280 - darunter Weitspringerin Darja Klischina als einzige russische Leichtathletin.

Stepanowa darf nicht starten

Nicht vom IOC zugelassen war aus "ethischen Gründen" 800-m-Läuferin Julia Stepanowa, die als Kronzeugin gegenüber ARD-Journalist Hajo Seppelt das staatlich gelenkte russische Dopingsystem aufgedeckt hatte. "Das Signal ist: Wenn Du Deinen Mund aufmachst, wirst Du nie ein Olympia-Athlet sein", beklagte die Whistleblowerin, die seit ihren Enthüllungen mit ihrem Mann Witali und dem kleinen Sohn an einem unbekannten Ort in den USA lebt - und um ihr Leben fürchtet, wie sie am Rande der Spiele sagte: "Wenn uns etwas passiert, sollten alle wissen, dass dies kein Unfall ist.“

Deutsche Bilanz fällt durchwachsen aus

Mehr Gold, aber auch große Sorgen - der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) zog eine zwiespältige Olympia-Bilanz. Die Gesamtzahl von 2012 (44 Medaillen) wurde nicht, die moderate Zielmarke von 42 bis 71 Mal Edelmetall mit 42 Medaillen gerade so eben erreicht. Immerhin liefen die Spiele für die mit 423 Athleten zweitgrößte deutsche Mannschaft aller Zeiten nach einem starken Schlussspurt viel besser als nach dem Stotterstart mit drei medaillenlosen Wettkampftagen zunächst gedacht. Am Ende schlug 17 Mal Gold zu Buche - rund 50 Prozent mehr als in London (11). Fleißigste Medaillensammler waren mit sieben Mal Edelmetall die Kanuten um Doppel-Olympiasieger Sebastian Brendel, die der tragische Tod von Kanu-Slalom-Trainer Stefan Henze nach einem schweren Verkehrsunfall in tiefe Trauer gestürzt hatte. Auch auf die Reiter (6 Medaillen) und die vor vier Jahren noch auf ganzer Linie gescheiterten Schützen (5) war Verlass.

Erfolge

Die deutschen Medaillengewinner von Rio

Fußballer wunderbar - Harting sonderbar

Eine Renaissance erlebten in Rio die Ballsportarten - wie Fußball. Die DFB-Frauen holten im legendären Maracanã-Stadion zum Abschied von Bundestrainerin Silvia Neid erstmals Gold, die Männer nach einem Finalkrimi gegen Brasilien Silber. Bemerkenswert: Durch die vielen Mannschaftserfolge kehren 150 Athleten und damit jeder dritte deutsche Olympia-Teilnehmer mit einer Medaille vom Zuckerhut zurück.

Deutschland jubelt mit seinen Goldmedaillen  Fotograf: Soeren Stache

Erstmals Olympiasieger: Deutschlands Fußball-Frauen.

Strahlende Helden wie Turn-Star Fabian Hambüchen, dessen Teamkollege Andreas Toba trotz eines Kreuzbandrisses noch die Übung am Pauschenpferd absolvierte, die Beach-Königinnen Laura Ludwig und Kira Walkenhorst oder die sattellose Bahn-Sprinterin Kristina Vogel können jedoch nicht verdecken, dass Deutschland in vielen Sportarten den Anschluss an die Weltspitze verloren hat. Die Schwimmer, die erstmals seit 84 Jahren ohne Olympia-Medaille heimkehren, Fechter und Straßen-Radsportler kamen nicht aufs Treppchen, auch die Leichtathleten enttäuschten mit nur dreimal Edelmetall - darunter das Sensationsgold von Diskuswerfer Christoph Harting, der sich erst bei der Siegerehrung daneben benahm und später dafür entschuldigte.

Zu wenig deutsche Finalteilnahmen

Alarmierend ist vor allem die Tatsache, dass die Zahl der Finalplatzierungen im Vergleich zu 2012 um gut 20 Prozent einbrach - es hapert in der Breite. "Wir brauchen mehr Kandidaten in der Runde der letzten Acht, um zukünftig erfolgreich zu sein", sagte der Sportliche Leiter Dirk Schimmelpfennig. "Die Zahl der Nationen, die in den Medaillenrängen vertreten ist, wird steigen", prognostizierte DOSB-Präsident Alfons Hörmann: "Es gibt Handlungsbedarf." Die leidige Frage der Förderung und der richtigen Strukturen für einen erfolgreichen Leistungssport werden zwischen DOSB, Verbänden und Innenministerium spätestens Anfang Oktober kontrovers diskutiert werden. Krisen-Sportarten wie Schwimmen oder Fechten könnten dramatische Einbußen bei der Förderung erfahren.

Dieses Thema im Programm:

Sportschau live, 21.08.2016, 07.00 Uhr

Stand: 21.08.16 19:31 Uhr